Buecher, Lesen und Literatur

    Lesen lernen: Kinder wirkungsvoll fördern – Tipps für Eltern 2026

    Lesen lernen: Wie Kinder das Lesen erlernen und wie Eltern sie wirkungsvoll fördern können

    Lesen lernen ist eine der wichtigsten Fähigkeiten, die ein Kind je erwerben wird. Doch in Deutschland gelingt das erschreckend vielen Kindern nicht ausreichend: Laut IGLU 2021 erreicht jedes vierte Grundschulkind nicht den Mindeststandard. Das ist kein Zufall – und kein unabänderliches Schicksal. Eltern können sehr viel tun. Dieser Artikel zeigt dir, wie der Leseprozess funktioniert, welche Methoden wissenschaftlich belegt sind und was du konkret heute Abend ausprobieren kannst. Die gute Nachricht: Schon regelmäßiges Vorlesen ab dem ersten Lebensjahr macht einen messbaren Unterschied.

    Warum Leseförderung heute wichtiger ist denn je: Die Lage in Deutschland

    Die Zahlen sind eindeutig – und alarmierend. Die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) testet alle fünf Jahre Viertklässler in rund 60 Ländern. Im Jahr 2021 erreichten 25,4 % der deutschen Viertklässler nicht den international festgelegten Mindeststandard für weiteres erfolgreiches Lernen. Zum Vergleich: 2001 waren es 17,0 %, 2016 bereits 18,9 %. Der Trend zeigt klar nach unten.

    Gleichzeitig sank die mittlere Lesekompetenz deutscher Grundschülerinnen und Grundschüler seit 2001 um insgesamt 15 Punkte – von 539 auf 524 Punkte. Deutschland liegt damit unter dem EU- und OECD-Durchschnitt von 527 Punkten. Das klingt nach einer kleinen Differenz, bedeutet in der Praxis aber: Hunderttausende Kinder verlassen die Grundschule ohne ausreichende Lesefähigkeiten.

    Auch bei den älteren Schülerinnen und Schülern sieht es nicht besser aus. PISA 2022 – das Programm testet 15-Jährige – zeigt: 25,5 % der deutschen Jugendlichen gelten als besonders leseschwach. Sie erreichen nicht Kompetenzstufe 2, die als Mindestvoraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe gilt. Gleichzeitig sank der Anteil der Spitzenleserinnen und -leser: Nur noch 8,2 % erreichen die oberen Kompetenzstufen – ein signifikanter Rückgang gegenüber 2018.

    Besonders besorgniserregend ist der Einfluss der sozialen Herkunft. In Deutschland beträgt der Leistungsabstand zwischen den privilegiertesten 25 % der Schülerinnen und Schüler und den sozioökonomisch schwächsten 25 % laut PISA 2018 ganze 113 Punkte. Der OECD-Schnitt liegt bei 89 Punkten. Deutschland schneidet also auch bei der Bildungsgerechtigkeit schlechter ab als der internationale Durchschnitt.

    Ein weiterer Faktor: Lesezeit im Unterricht. Deutsche Grundschülerinnen und Grundschüler verbringen laut IGLU 2021 durchschnittlich nur 141 Minuten pro Woche mit lesebezogenen Aktivitäten im Unterricht. Der internationale Schnitt liegt bei rund 200 Minuten – eine Differenz von fast einer Stunde pro Woche. Das entspricht etwa 30 % weniger Leseübungszeit als im internationalen Vergleich. Diese Lücke müssen Eltern zu Hause schließen.

    Der Handlungsbedarf ist also auf mehreren Ebenen gleichzeitig groß: in der Schule, in der Politik – und ganz konkret zu Hause. Eltern sind keine Lehrerinnen oder Lehrer, aber sie sind die wichtigste Lernumgebung, die ein Kind hat. Und das Gute ist: Wirksame Leseförderung braucht keine teuren Programme. Sie braucht Zeit, Regelmäßigkeit und die richtigen Bücher.

    Mittlere Lesekompetenz deutscher Viertklässler im Zeitverlauf (IGLU)

    560 540 520 500 480 539 IGLU 2001 537 IGLU 2016 524 IGLU 2021 Punkte
    Quelle: IGLU 2021 (Deutsches Schulportal, Bundeszentrale für politische Bildung). Skala beginnt bei 480 Punkten.

    Wie Kinder lesen lernen: Die Lesestufen von der Kita bis zur dritten Klasse

    Lesenlernen ist kein einmaliges Ereignis, sondern ein mehrstufiger Entwicklungsprozess. Er beginnt lange vor der Einschulung und endet nicht mit dem Buchstabieren des ersten Wortes. Wer die einzelnen Stufen kennt, kann sein Kind gezielt und ohne Überforderung begleiten.

    Die Grundlage: Phonologische Bewusstheit

    Bevor ein Kind auch nur einen Buchstaben liest, braucht es eine entscheidende Fähigkeit: phonologische Bewusstheit. Das ist die Fähigkeit, Sprachlaute zu erkennen, zu unterscheiden und zu manipulieren. Kinder mit guter phonologischer Bewusstheit können Reime erkennen (Maus – Haus), Silben klatschen (Ti-ger) und einzelne Laute heraushören (das erste Laut in „Ball" ist /b/). Wissenschaftliche Studien belegen eindeutig: Diese Fähigkeit ist die stärkste Vorläuferfähigkeit für erfolgreiches Lesenlernen. Sie lässt sich spielerisch fördern – durch Reimspiele, Abzählreime und Silbenklatschen.

    Vorstufe: Kita und Vorschule (bis ca. 5 Jahre)

    In dieser Phase geht es nicht ums formale Lesenlernen, sondern um Vertrautheit. Kinder lernen, dass Bücher Geschichten enthalten, dass Schrift von links nach rechts läuft und dass Buchstaben Laute repräsentieren. Mit etwa 3 Jahren erkennen viele Kinder ihren eigenen Namen oder bekannte Logos – das ist aber noch kein echtes Lesen, sondern Bildgedächtnis. Vorlesen, Bilderbücher und Reimgeschichten sind in dieser Phase die wirksamsten Werkzeuge.

    Lesestart: 1. Klasse (5–6 Jahre)

    Mit dem Schuleintritt beginnt das formale Lesenlernen. Kinder lernen die Buchstaben-Laut-Zuordnung (Graphem-Phonem-Korrespondenz), lesen erste Silben, dann einfache Wörter und schließlich kurze Sätze. Dieser Prozess heißt Dekodierung: das Entschlüsseln von Schriftzeichen in Laute. Experten raten klar davon ab, Kinder vor der Einschulung zum formalen Lesenlernen zu drängen. Der optimale Einstiegszeitpunkt ist die erste Klasse – früher bringt selten Vorteile, kann aber Druck erzeugen.

    Aufbaustufe: 2. Klasse

    In der zweiten Klasse werden bekannte Wörter zunehmend automatisch erkannt. Kinder müssen nicht mehr jeden Buchstaben einzeln entschlüsseln. Das ist der Übergang zur Leseflüssigkeit – also zu Lesegenauigkeit, Lesegeschwindigkeit und angemessener Betonung. Erst wenn Dekodierung automatisiert ist, kann das Gehirn freie Kapazität für das eigentliche Ziel aufwenden: das Verstehen des Textes.

    Übergang: Ende der 3. Klasse

    Ab Ende der dritten Klasse vollzieht sich ein entscheidender Wandel: Kinder lesen nicht mehr, um lesen zu lernen – sie lernen durch Lesen. Texte werden zum Werkzeug für den Wissenserwerb in allen Schulfächern. Wer diesen Übergang nicht schafft, hat in Sachkunde, Mathematik und Deutsch gleichermaßen Schwierigkeiten. Deshalb ist die Förderung in den ersten drei Schuljahren so entscheidend.

    Lesestufe Alter Empfohlene Buchmerkmale
    Vorstufe Kita / Vorschule Bilderbücher, Reimgeschichten, Bild-Wort-Bücher
    Lesestart 1. Klasse (5–6 J.) Sehr große Schrift, kurze Sätze, viele Bilder, linksbündig, kein Blocksatz
    Aufbaustufe 2. Klasse Etwas längere Texte, noch Bilder zur Sinnerschließung, abwechselnd lesen
    Fortgeschritten Ab 3. Klasse Komplexere Texte, kleinere Schrift, Buchreihen mit Suchtfaktor

    Wissenschaftlich belegte Methoden der Leseförderung: Was wirklich hilft

    Nicht jede Methode, die gut klingt, ist auch wirksam. Die Leseforschung hat in den letzten Jahrzehnten klare Erkenntnisse geliefert. Hier sind die Ansätze, für die es belastbare wissenschaftliche Evidenz gibt.

    1. Phonologische Bewusstheit gezielt fördern

    Das Trainieren von Reimerkennung, Silbensegmentierung und Lautanalyse verbessert die Lesefähigkeit signifikant – das ist einer der robustesten Befunde der Leseforschung. Konkret: Reime erfinden, Zungenbrecher sprechen, Silben in Wörtern klatschen. Das geht spielerisch und braucht keine Materialien.

    2. Lautleseverfahren: Wiederholtes lautes Vorlesen

    Beim Lautleseverfahren liest ein Kind denselben Text mehrfach laut vor – zunächst mit Unterstützung, dann allein. Studien belegen: Diese Methode verbessert Lesegenauigkeit und Lesetempo nachweislich. Der Effekt entsteht durch Automatisierung: Je öfter ein Kind ein Wort liest, desto schneller erkennt es es. Eltern können dabei als Tandempartner fungieren – abwechselnd vorlesen, Fehler sanft korrigieren.

    3. Lesestrategien: Aktiv mit Texten umgehen

    Lesestrategien sind Techniken, die das Textverständnis verbessern. Dazu gehören: vor dem Lesen Fragen an den Text stellen, beim Lesen unbekannte Wörter markieren, nach dem Lesen den Inhalt zusammenfassen. Diese Methoden sind besonders ab der zweiten und dritten Klasse wirksam. Sie lassen sich leicht in den Alltag integrieren: „Was glaubst du, worum geht es in diesem Kapitel?" ist eine einfache, aber wirkungsvolle Frage.

    4. Fluency-Training

    Fluency-Training zielt auf Leseflüssigkeit: Kinder lesen Texte mit angemessener Geschwindigkeit, Genauigkeit und Betonung. Belegt ist die Wirksamkeit ab der zweiten Klasse. Wichtig: Leseflüssigkeit ist keine Selbstverständlichkeit – sie muss geübt werden. Wer zu langsam liest, hat kaum Kapazität für das Verstehen des Inhalts.

    5. Regelmäßiges Vorlesen durch Eltern

    Vorlesen ist die einfachste und gleichzeitig wirksamste Maßnahme, die Eltern ergreifen können. Es fördert Wortschatz, Sprachgefühl, Weltwissen und – entscheidend – die Lesemotivation. Experten empfehlen, ab dem ersten bis zweiten Lebensjahr regelmäßig vorzulesen. Und: Vorlesen sollte auch dann nicht aufhören, wenn das Kind selbst lesen kann. Kinder verstehen gehörte Texte noch lange besser als selbst gelesene.

    Was keinen nachgewiesenen Nutzen hat

    Bei Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) sind unspezifische Trainings – also allgemeine Leseübungen ohne Bezug auf die spezifischen Schwierigkeiten des Kindes – wissenschaftlich nicht wirksam. Hier braucht es symptomspezifische, direkte Förderansätze, die auf die individuelle Fehlerstruktur des Kindes eingehen. Das ist ein wichtiger Unterschied zur allgemeinen Leseförderung.

    💡 Gut zu wissen

    Die Kombination mehrerer Methoden ist wirksamer als jede einzelne Methode allein. Wer phonologische Bewusstheit fördert, regelmäßig vorliest und Lautleseverfahren einsetzt, deckt alle drei Kernbereiche ab: Dekodierung, Leseflüssigkeit und Leseverständnis.

    Praktische Tipps für Eltern: So unterstützt du dein Kind zu Hause

    Deutsche Schulen liegen mit 141 Minuten lesebezogener Unterrichtszeit pro Woche deutlich unter dem internationalen Schnitt von 200 Minuten. Das entspricht fast einer Stunde Leseübung weniger pro Woche. Diese Lücke können – und müssen – Eltern zu Hause schließen. Das klingt nach Aufwand, ist aber mit einfachen Ritualen gut machbar.

    Früh anfangen: Vorlesen ab dem 1. Lebensjahr

    Experten empfehlen, ab dem ersten bis zweiten Lebensjahr regelmäßig vorzulesen. Babys und Kleinkinder profitieren enorm: Sie hören Sprachrhythmus, lernen Wörter und entwickeln ein Gefühl dafür, dass Bücher etwas Schönes sind. Wer früh anfängt, legt den Grundstein für spätere Lesemotivation.

    Feste Leserituale etablieren

    Regelmäßigkeit schlägt Intensität. Täglich 15 Minuten vorlesen ist wirksamer als einmal pro Woche eine Stunde. Der beste Zeitpunkt ist der, der im Familienalltag verlässlich funktioniert – oft vor dem Schlafengehen. Ein festes Ritual gibt Kindern Sicherheit und verknüpft Lesen mit positiven Gefühlen.

    Gemeinsam abwechselnd lesen

    Sobald das Kind erste Sätze lesen kann, ist Tandemlesen eine hervorragende Methode. Du liest einen Absatz, dein Kind liest den nächsten. Das nimmt den Druck raus, weil das Kind weiß: Wenn es zu schwer wird, übernimmst du. Gleichzeitig bleibt die Geschichte spannend, weil sie zügig vorangeht.

    Bücher nach Interessen wählen

    Das ist vielleicht der wichtigste Tipp überhaupt: Ein Kind, das sich für Dinosaurier begeistert, liest ein Dinosaurier-Sachbuch mit mehr Motivation als jeden Pflichttext. Bücher zu Interessensthemen – Fußball, Pferde, Weltraum, Fantasy – senken die Hemmschwelle enorm. Frag dein Kind, was es interessiert, und such dann gemeinsam das passende Buch.

    Leistungsdruck vermeiden

    Lesen soll Freude machen – das ist keine Floskel, sondern eine pädagogische Grundregel. Kinder, die beim Lesen Angst vor Fehlern haben, lesen weniger. Fehler beim lauten Lesen sanft und ohne Bewertung korrigieren. Geschwindigkeit ist kein Ziel an sich. Wer langsam liest, aber mit Freude, liest mehr – und wird dadurch automatisch besser.

    Lesebezogene Unterrichtszeit pro Woche im internationalen Vergleich (IGLU 2021)

    250 200 150 100 50 141 Min. Deutschland 200 Min. EU-/OECD-Schnitt Minuten/Woche
    Quelle: IGLU 2021. Deutsche Grundschülerinnen und Grundschüler erhalten rund 30 % weniger lesebezogene Unterrichtszeit als der internationale Schnitt.

    Jungen und Mädchen, soziale Herkunft: Wer braucht besondere Unterstützung?

    Leseförderung ist nicht für alle Kinder gleich. Zwei Faktoren machen in der Forschung besonders deutlich den Unterschied: Geschlecht und soziale Herkunft. Wer diese Unterschiede kennt, kann gezielter helfen.

    Jungen lesen anders – und brauchen andere Bücher

    Mädchen schneiden bei PISA konsistent besser ab als Jungen – das ist ein stabiler Befund über viele Erhebungsjahre hinweg. PISA 2018 belegt diesen Unterschied explizit für Deutschland. Das bedeutet aber nicht, dass Jungen schlechter lesen können. Es bedeutet, dass sie häufiger mit Büchern konfrontiert werden, die sie nicht ansprechen.

    Was für Jungen besonders wirksam ist: Sachbücher, Comics, Manga, Bücher zu Action, Abenteuer und Sport. Der entscheidende Faktor ist das Identifikationspotenzial mit der Hauptfigur. Ein Junge, der sich mit einem Helden identifiziert, liest weiter – auch wenn der Text anspruchsvoll ist. Comics und Manga sind dabei vollwertige Lektüre, keine minderwertige Alternative. Sie fördern Lesemotivation und Textverständnis genauso wie Romane.

    Wenn dein Sohn partout kein Buch anfassen will: Fang mit einem Thema an, das ihn wirklich begeistert. Fußballstatistiken, Minecraft-Handbücher, Tier-Sachbücher – alles zählt. Hauptsache, er liest.

    Soziale Herkunft: Die größte Ungleichheit im System

    Der Einfluss der sozialen Herkunft auf die Lesekompetenz ist in Deutschland besonders stark ausgeprägt. PISA 2018 zeigt: Der Leistungsabstand zwischen den privilegiertesten 25 % der Schülerinnen und Schüler und den sozioökonomisch schwächsten 25 % beträgt in Deutschland 113 Punkte. Der OECD-Schnitt liegt bei 89 Punkten. Deutschland schneidet also bei der Bildungsgerechtigkeit deutlich schlechter ab als der internationale Durchschnitt.

    Was bedeutet das konkret? Kinder aus bildungsfernen Haushalten haben seltener Bücher zu Hause, werden seltener vorgelesen und haben weniger Zugang zu sprachlich anregenden Umgebungen. Hier können öffentliche Angebote helfen: Stadtbibliotheken bieten kostenlose Leseausweise, die Stiftung Lesen stellt kostenlose Materialien bereit, und viele Schulen haben Lesepatenprogramme.

    Für Eltern aus bildungsfernen Haushalten gilt: Vorlesen funktioniert auch dann, wenn man selbst kein begeisterter Leser ist. Auch kurze Vorleseeinheiten von 10 Minuten täglich machen einen Unterschied. Und: Bibliotheken sind kostenlos.

    📚 Tipp für Lesemuffel-Familien

    Bibliotheksbesuche als Erlebnis gestalten: Lass dein Kind selbst wählen, was es ausleiht. Keine Vorgaben, kein Pflichtprogramm. Das Gefühl, selbst entscheiden zu dürfen, ist ein starker Motivator – und der Leseausweis ist in den meisten Städten kostenlos.

    Die richtigen Bücher für jede Lesestufe

    Das falsche Buch zur falschen Zeit kann Lesemotivation zerstören. Ein zu schweres Buch frustriert, ein zu leichtes langweilt. Hier erfährst du, worauf du bei der Buchauswahl achten solltest.

    Erstlesebücher: Was technisch wichtig ist

    Erstlesebücher für Leseanfänger haben spezifische Merkmale, die das Lesen erleichtern: große Schrift (mindestens 14–16 Punkt), kurze Sätze (maximal 5–7 Wörter), viele Bilder zur Sinnerschließung, linksbündiger Satz (kein Blocksatz, der unregelmäßige Wortabstände erzeugt) und ein einfacher, bekannter Wortschatz. Silbentrennung am Zeilenende sollte vermieden werden – sie verwirrt Leseanfänger.

    Buchreihen mit Suchtfaktor

    Buchreihen haben einen entscheidenden Vorteil: Kinder kennen die Figuren bereits und wollen wissen, wie es weitergeht. Das senkt die Einstiegshürde für jedes neue Buch erheblich. Bekannte Beispiele für fortgeschrittene Leseanfänger ab der dritten Klasse sind „Die Schule der magischen Tiere" und „Der kleine Drache Kokosnuss" – beide kombinieren zugängliche Sprache mit spannenden Geschichten.

    Digitale Angebote und Apps

    Leselern-Apps können eine sinnvolle Ergänzung sein – sie ersetzen aber nicht das gemeinsame Lesen. Bekannte Angebote kosten orientierend etwa 5 bis 10 Euro pro Monat. Wichtig: Apps sollten interaktiv sein und Feedback geben, nicht nur passiv Texte anzeigen. Für Kinder, die digitale Medien ohnehin lieben, kann eine App den Einstieg erleichtern.

    Was tun bei Lese-Rechtschreib-Schwäche?

    Wenn ein Kind trotz regelmäßiger Übung deutlich langsamer liest als Gleichaltrige, viele Buchstaben verwechselt oder beim Lesen häufig den Faden verliert, könnte eine Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) oder Legasthenie vorliegen. Das ist kein Zeichen von Intelligenzproblemen – LRS tritt quer durch alle Begabungsniveaus auf.

    Wichtig zu wissen: Bei Verdacht auf LRS sind symptomspezifische, direkte Förderansätze wissenschaftlich wirksamer als unspezifische allgemeine Lesetrainings. Das bedeutet: Ein Förderprogramm muss auf die individuelle Fehlerstruktur des Kindes eingehen. Allgemeines „mehr lesen" hilft bei LRS allein nicht ausreichend.

    Erste Schritte bei Verdacht: Gespräch mit der Klassenlehrkraft suchen, schulpsychologischen Dienst kontaktieren und eine Diagnostik durch eine Fachkraft veranlassen. Je früher eine LRS erkannt und gezielt gefördert wird, desto besser die Prognose. Eltern sollten dabei keine Schuldgefühle entwickeln – LRS hat neurobiologische Ursachen und ist keine Folge von zu wenig Förderung.

    Auch bei LRS gilt: Lesemotivation erhalten. Hörbücher, Comics und Sachbücher zu Lieblingsthemen halten die Freude an Geschichten und Wissen aufrecht – auch wenn das selbstständige Lesen noch schwerfällt.

    Häufige Fragen zum Lesen lernen

    F Ab welchem Alter sollte ich meinem Kind vorlesen?

    Experten empfehlen, ab dem ersten bis zweiten Lebensjahr regelmäßig vorzulesen. Je früher du anfängst, desto besser für Spracherwerb, Wortschatz und spätere Lesemotivation. Auch kurze Einheiten von 10 Minuten täglich wirken.

    F Wann lernen Kinder lesen – und ist früher besser?

    Der optimale Zeitpunkt für formales Lesenlernen ist die erste Klasse, also mit 5 bis 6 Jahren. Experten raten davon ab, Kinder vor der Einschulung zum formalen Lesenlernen zu drängen. Früher ist hier nicht automatisch besser.

    F Wie schlecht ist die Lesekompetenz in Deutschland wirklich?

    IGLU 2021 zeigt: 25,4 % der Viertklässler erreichen nicht den Mindeststandard – historischer Tiefstand. PISA 2022 bestätigt: 25,5 % der 15-Jährigen gelten als besonders leseschwach. Beide Werte sind deutlich gestiegen.

    F Welche Lernmethoden sind beim Lesenlernen wissenschaftlich belegt?

    Wissenschaftlich belegt sind: phonologische Bewusstheit fördern, Lautleseverfahren (wiederholtes lautes Vorlesen), Lesestrategietraining (Fragen stellen, Zusammenfassen) und Fluency-Training ab der zweiten Klasse. Regelmäßiges Vorlesen durch Eltern wirkt ebenfalls nachweislich.

    F Warum lesen Jungen schlechter als Mädchen?

    Mädchen schneiden bei PISA konsistent besser ab als Jungen. Häufig liegt es an mangelnder Identifikation mit Buchthemen. Gegenmaßnahme: Sachbücher, Comics, Manga und Bücher zu Abenteuer oder Sport wählen – Themen, die Jungen wirklich ansprechen.

    F Was tun, wenn mein Kind Schwierigkeiten beim Lesen hat?

    Lerntempo reduzieren, bereits Erlerntes wiederholen und Leistungsdruck vermeiden. Bei Verdacht auf LRS: symptomspezifische Förderung suchen, Lehrkraft ansprechen und schulpsychologischen Dienst kontaktieren. Frühe Diagnose verbessert die Prognose deutlich.

    F Welche Rolle spielt die soziale Herkunft beim Lesenlernen?

    Eine sehr große. In Deutschland beträgt der Leistungsabstand zwischen privilegierten und benachteiligten Schülerinnen und Schülern 113 Punkte (PISA 2018) – deutlich über dem OECD-Schnitt von 89 Punkten. Kostenlose Bibliotheksangebote können diese Lücke teilweise ausgleichen.

    Quellen

    • IGLU 2021 – Deutsches Schulportal
    • IGLU 2021 – Bundeszentrale für politische Bildung (bpb.de)
    • PISA 2022 – Lewalter et al. 2023 (pedocs.de)
    • PISA 2018 – OECD / table.media
    • Evidenzbasierte Leseförderung in der Grundschule – Deutsche Nationalbibliothek (d-nb.info)
    • Stiftung Lesen – Lesetipps und Aktionsideen (stiftunglesen.de)
    • GoStudent – Lesen lernen: 5 Tipps & Leseübungen (gostudent.org)
    • Leseliebe – Die Lesestufen beim Lesenlernen (leseliebe.de)
    • Leseliebe – Leseförderung, die Lust auf Lesen macht (leseliebe.de)
    • ZDF heute – Lesen lernen: Fünf Tipps für Eltern (zdfheute.de)
    • ekidz.eu – Lesen lernen in 4 Schritten
    • eltern.de – Lesen üben mit Spaß
    • fluxie.de – Leichter lesen lernen per App
    • Deutschlandfunk – Leseforschung und Leseförderung